Der Gropius-Drücker und andere Türklinken der Moderne

Die Bronzewarenfabrik S. A. Loevy, Berlin

Gropius-Drücker

S. A. Loevy war ab 1922 der erste Hersteller, des Gropius-Drückers und produzierte diesen bis etwa Mitte der 1930er Jahre in verschiedenen Größen. Als Lizenznehmer von Gropius ist das Unternehmen bis Anfang 1933 der einzige legitime Hersteller. Ebenfalls angeboten wurden Fensteroliven und Pendeltürgriffe.

Firmengeschichte

Die Geschichte der Bronzegießerei S. A. Loevy begann am 1. April 1855 in Berlin. Hier ließ sich der aus der preußischen Provinz Posen stammende Samuel Abraham Loevy (1826-1900) als Gelbgießer nieder. Über die frühen Jahre der "Roth- und Gelbgießerei" ist kaum etwas bekannt. Anfangs in der Großen Hamburger Straße 8 ansässig, zog Loevy 1865 in das traditionell von jüdischen Handwerkern bewohnte Scheunenviertel.

Das Unternehmen entwickelte sich im aufstrebenden Berlin sehr schnell. Schon 1868 wurde in Anzeigen für "Thür- und Fensterbeschläge nach den allerneuesten Modellen" geworben. Zur Berliner Gewerbeausstellung 1879 erhielt S. A. Loevy eine erste Auszeichnung. Zwei Jahre später beteiligt sich die Gießerei bereits an einer internationalen Ausstellung in Brüssel.

Im Jahre 1885 erfolgte die Gründung einer offenen Handelsgesellschaft (oHG). Gleichzeitig fand ein Generationswechsel statt, die Brüder Albert (1856-1925) und Siegfried Loevy (1859-1936) übernahmen den väterlichen Betrieb. Da die Bronzewarenfabrik als Handwerksbetrieb geführt wurde, musste Albert Loevy 1883 als Gelbgießer-Meister der Berliner Innung beitreten. Er setzte die handwerkliche Tradition seines Vaters fort.

Auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896 wurde der „Fabrik von Baubeschlägen S. A. Loevy" die "Preußische Staatsmedaille für gewerbliche Leistungen" verliehen, ein Auszeichnung, die über vierzig Jahre die Kataloge und Geschäftspapiere der Firma zieren wird.

Die Kapazitäten im Scheunenviertel reichten bald nicht mehr aus, denn aus der „Roth- und Gelbgießerei“ hatte sich inzwischen eine leistungsfähige Bronzewarenfabrik entwickelt, die neben Bau- und Möbelbeschlägen auch Kamin- und Grabplatten, Garderoben, Balkonverkleidungen, Treppengeländer und Bronzebuchstaben anfertigte. Darüber hinaus war sie auf künstlerische und kunsthandwerkliche Treibarbeiten spezialisiert. So siedelte die Gießerei 1898 in die Gartenstraße 158 um, aus der einige Jahre später die Hausnummer 96 wurde.

Hier vollzog sich das erfolgreichste Kapitel der Firmengeschichte. Albert Loevy übernahm die Rolle des "kaufmännischen Leiters" und Siegfried Loevy war der "künstlerische Kopf" des Unternehmens. Seine Kontakte zu Künstlern und Architekten bestimmten maßgeblich die „modernen Formen“ der Beschläge, die sich durch eine hohe handwerkliche Qualität auszeichneten. Zeitweilig beschäftigte das Unternehmen mehr als 70 Arbeiter.

Ab 1900 beteiligte sich die Bronzegießerei regelmäßig an großen internationalen Leistungsschauen, so 1900 und 1904 an den Weltausstellungen in Paris und St. Louis und 1902 an der Internationalen Kunstgewerbeausstellung in Turin.

In Werbeanzeigen wurde bis zum Beginn des I. Weltkrieges auf Entwürfe von Peter Behrens (1868-1940), Bruno Paul (1874-1968) und Henry van der Velde (1863-1957) verwiesen.

Für die Ausführung der Bronzearbeiten am letzten wilhelminischen Schlossneubau in Posen erhielt S. A. Loevy 1910 den Titel "Königliche Hoflieferanten" verliehen. Im gleichen Jahr ist die Firma dem Deutschen Werkbund (DWB) beigetreten.

In diesen Jahren begann auch eine enge Zusammenarbeit mit Peter Behrens. Loevy lieferte das Eingangsportal, sämtliche Beschläge und verschiedene andere Bronzearbeiten für das Haus Wiegand in Dahlem. Auch für den Neubau der Deutschen Botschaft in St. Petersburg orderte Behrens die Beschläge und verschiedene andere Guss- und Treibarbeiten bei Loevy. Die herausragendste Arbeit war dabei zweifellos ein gewaltiges Dioskuren-Paar nach einem Entwurf des Bildhauers Eberhard Encke (1881-1936). Die fast sechs Meter hohe Gruppe war aus Kupfer getrieben und stand auf dem Dach der Botschaft. Leider wurde sie zu Beginn des 1. Weltkrieges zerstört. Eine kleinere Ausführung stand 1914 über dem Eingang zur Festhalle der Werkbund-Ausstellung in Köln.

Der gute Kontakt zu Behrens führte schließlich 1916 zum Auftrag für die Reichstagsinschrift "Dem Deutschen Volke". Nach Behrens typografischem Entwurf wurden die 17 Bronzebuchstaben aus zwei im Befreiungskrieg erbeuteten französischen Geschützrohren bei Loevy gegossen.

Nach dem I. Weltkrieg konnte die Bronzewarenfabrik nur schwer an ihre früheren wirtschaftlichen Erfolge anknüpfen. Es gab noch immer gute Kontakte zu den Werkbund-Architekten, doch Reparationsleistungen und Wirtschaftskrisen lähmten die Bauwirtschaft. In diesem Kontext entstanden 1922 die ersten Gropius-Drücker bei Loevy, die schließlich auch im Sommer 1923 im Versuchshaus des Bauhauses „Am Horn“ in Weimar Verwendung fanden (vgl. Geschichte). Im Krisenjahr 1923 kosteten die Türdrücker mehrere Millionen Reichsmark.

Mitte der 1920er Jahre verbesserte sich die wirtschaftliche Situation allmählich. Für die heute als „Bauten der Moderne“ bezeichneten Großsiedlungen, Geschäftshäuser und Villen wurden jetzt massenhaft „billige“ Beschläge geliefert. Die Auftragslage führte sogar zur Vergabe von Lohnfertigungsaufträgen und Lizenzen an andere Gießereien und Beschlaghersteller (vgl. Wehag).

Mit dem Katalog Nr. 6 von 1930 manifestierte Loevy zum 75-Jährigen Firmenjubiläum seine Stellung als führende Berliner Bronzewarenfabrik. Neben den schon genannten Architekten, wurden Entwürfe von Erich Mendelsohn (1887-1953), Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969), Heinrich Straumer (1876-1936) und Wilhelm Wagenfeld (1900-1990) angeboten. Gleichzeitig präsentierte sich das Unternehmen in einem neuen Erscheinungsbild. Die Buchstaben „SAL“ wurden zum Logo geformt, das gelegentlich auch als Gussmarke Verwendung fand.

Bereits ab 1928 ging Loevy gegen einzelne Hersteller des Gropius-Drückers gerichtlich vor. Mit dem Urteil vom 14. Januar 1933 (vgl. Geschichte) verlor die Firma bekanntermaßen den Prozess vor dem Reichsgericht. Sicherlich war dies ein großer finanzieller Verlust für die Firma, doch hat dies nicht zur Aufgabe geführt. Viel schwerwiegender war für das jüdische Unternehmen die Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Nach Hitlers Machtantritt wurde es für Loevy zunehmend schwerer, seine Produkte zu verkaufen. 1934 musste das Firmengelände in der Gartenstraße 96 an die Deutsche Reichbahn verkauft werden. Die Firma zog darauf hin in die Neuenburger Straße 29 nach Kreuzberg. Schon die Umbaugenehmigung war mit Produktionseinschränkungen verbunden und ein Direktvertrieb war kaum noch möglich. Ein letzter bescheidener Katalog erschien um 1935. Während andere Hersteller die Moderne durchaus noch in ihren Katalogen reflektierten, waren bei Loevy ausnahmslos nur noch Stilbeschläge im Angebot.

Die Gießerei wurde ab 1936 noch für kurze Zeit von Ernst Loevy, dem Sohn Albert Loevy’s weitergeführt, musste aber im Sommer 1939 zwangsweise verkauft werden. Sie wurde arisiert und ging 1945 in den Trümmern des Dritten Reiches unter. Ernst Loevy wurde 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Seit Oktober 2001 erinnert eine Gedenktafel am Reichstag an das Schicksal der jüdischen Familie und das Jüdische Museum Berlin widmete ihr 2003 eine umfangreiche Ausstellung.

Loevy-Logo von 1930
Loevy-Türdrücker von Peter Behrens um 1911
Loevy-Mitarbeiter um 1913 vor der Dioskurengruppe von Encke
Loevy-Katalog von 1925 mit Gropius-Drücker
Loevy-Katalog von 1925 mit Gropius-Drücker
Loevy-Anzeige im Bauwelt-Katalog 1929
Katalog Nr. 6 von 1930 u.a. mit Gropius-Drücker
Loeva-Katalog Nr. 6 von 1930 mit Gropius-Pendeltürgriff
Briefkopf von 1932
Einweihung einer Loevy-Gedenktafel am Reichstagsgebäude 2001

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